Das radicchio risotto Ottolenghi steht für genau diese Art von Küche: wenige Zutaten, aber ein klarer Geschmacksplan. In diesem Artikel zeige ich, worauf es bei der Bitterkeit des Radicchio, der richtigen Reissorte und dem cremigen Finish ankommt. Außerdem bekommst du eine alltagstaugliche Vorgehensweise, typische Fehler und einen kurzen Blick auf die Polenta-Variante.
Worauf es bei einem guten Radicchio-Risotto wirklich ankommt
- Radicchio bringt Bitterkeit, Farbe und einen leicht nussigen Ton, braucht aber Fett und etwas Säure als Gegengewicht.
- Carnaroli ist die sicherste Reissorte, Arborio funktioniert als gut verfügbare Alternative.
- Ich arbeite mit einem kräftigen Gemüsefond, trockenem Weißwein, Parmesan und kalter Butter für die Mantecatura.
- Der Radicchio sollte nicht totgekocht werden, sondern teils weich, teils frisch im Gericht bleiben.
- Das gleiche Aromaprofil funktioniert auch sehr gut als cremige Polenta.
Warum Radicchio und Ottolenghis Stil so gut zusammenpassen
Radicchio ist kein beiläufiges Blattgemüse, sondern ein echter Gegenspieler im Tellerbild: bitter, klar, leicht herb und deshalb ideal für Gerichte, die nicht nur schmecken, sondern auch Spannung haben sollen. Genau das passt zu Ottolenghis Kochlogik, die ich hier als Orientierung nehme, denn seine Küche arbeitet selten mit einer einzigen dominanten Note. Stattdessen trifft Bitterkeit auf Butter, Parmesan, Zitrus oder einen Hauch Süße, und das Gericht wirkt sofort runder.
Beim Risotto ist dieser Ansatz besonders stark, weil die Reiskörner Stärke abgeben und die Sauce von selbst cremig werden. Diese Cremigkeit braucht dann einen Gegenpol. Radicchio liefert ihn, aber nur, wenn du ihn nicht wie Spinat behandelst. Zu langes Garen nimmt ihm Farbe und Kontur. Zu wenig Fett oder Salz lässt ihn dagegen stumpf und streng wirken. Ich suche deshalb immer einen Mittelweg: ein Teil des Radicchio darf mitgaren, ein kleiner Teil kommt erst am Ende dazu, damit das Risotto lebendig bleibt.
Wenn du das Prinzip einmal verstanden hast, ist der nächste Schritt einfach: die Zutaten bewusst auswählen und die Bitterkeit nicht bekämpfen, sondern führen.

Die Zutaten, die den Charakter bestimmen
Für eine verlässliche Version für 4 Personen orientiere ich mich an diesen Mengen: 300 g Carnaroli oder Arborio, 1 Kopf Radicchio di Chioggia oder Treviso, 1 Schalotte, 100 ml trockener Weißwein, 900 bis 1.000 ml heißer Gemüsefond, 40 g Butter, 2 bis 3 EL Olivenöl und 50 bis 70 g fein geriebener Parmesan. Das ist keine starre Museumsformel, sondern eine brauchbare Basis, die auch in einer deutschen Küche gut funktioniert.
| Zutat | Worauf ich achte | Praktische Alternative |
|---|---|---|
| Risottoreis | Carnaroli bleibt stabiler und verzeiht mehr; Arborio wird etwas weicher, ist aber leicht zu bekommen. | Arborio, wenn du im Supermarkt schnell fündig werden willst. |
| Radicchio | Chioggia bringt Farbe und eine milde Bitterkeit, Treviso wirkt schlanker und etwas strenger. | Wenn der Kopf sehr klein oder sehr bitter ist, nimm nur zwei Drittel sofort und den Rest später. |
| Fond | Er sollte kräftig sein, aber nicht alles übertönen. | Guter Gemüsefond, bei Bedarf mit einer Parmesanrinde mitgekocht. |
| Weißwein | Trocken und sauber, damit die Säure das Risotto hebt. | Ein trockener Weißwein aus Deutschland funktioniert genauso gut. |
| Käse und Butter | Sie machen die Mantecatura, also das abschließende Einrühren von Fett und Käse, erst richtig rund. | Parmesan plus ein kleines Stück kalte Butter zum Schluss. |
| Finish | Schwarzer Pfeffer, Zitronenzeste oder ein paar geröstete Walnüsse geben Spannung. | Walnüsse sind für deutsche Küchen besonders naheliegend. |
Wenn du zwischen den Radicchio-Sorten wählen kannst, nimm für ein ausgewogenes Ergebnis Chioggia. Treviso setze ich ein, wenn ich mehr Kante will. Genau diese kleine Entscheidung verändert das Risotto stärker, als viele denken.
Die Zutatenliste ist damit überschaubar, aber die Wirkung hängt an der Technik. Darum gehe ich im nächsten Schritt direkt in die Zubereitung.
So koche ich das Risotto Schritt für Schritt
Ich arbeite bei diesem Gericht mit einem simplen Ablauf, der in 20 bis 25 Minuten gut zu schaffen ist. Das Ergebnis wird am besten, wenn der Fond wirklich heiß bleibt und du das Risotto nicht mit hektischen Bewegungen, sondern mit ruhigem Rhythmus kochst. Wer mag, kann das als kleine Version eines Soffritto sehen, also als langsam aufgebautes Aromafundament aus Zwiebel, Fett und Wärme.
- Radicchio putzen, den Strunk entfernen und die Blätter in feine Streifen schneiden. Etwa ein Drittel legst du beiseite, damit das Gericht am Ende mehr Struktur behält.
- Schalotte fein würfeln und in Butter und Olivenöl bei mittlerer Hitze 4 bis 5 Minuten glasig anschwitzen. Sie soll weich werden, aber keine Farbe nehmen.
- Den Reis dazugeben und 1 bis 2 Minuten rühren, bis die Körner leicht glänzen und am Rand minimal durchsichtig werden.
- Mit dem Weißwein ablöschen und fast vollständig einkochen lassen. Der Alkohol soll verschwinden, die Säure darf bleiben.
- Nun nach und nach heißen Fond zugießen, immer nur so viel, dass der Reis knapp bedeckt ist. Zwischendurch regelmäßig rühren, aber nicht permanent. Nach 16 bis 18 Minuten ist der Reis meist al dente.
- Den größeren Teil des Radicchio in den letzten 5 Minuten unterheben, den Rest ganz am Ende zusammen mit Parmesan, kalter Butter und schwarzem Pfeffer einarbeiten.
- Das Risotto 1 bis 2 Minuten ruhen lassen, dann servieren. Wenn es auf dem Teller sofort fest wird, war es zu trocken. Es soll langsam fließen, nicht stehen.
Ich mag an dieser Reihenfolge besonders, dass sie zwei Dinge gleichzeitig schafft: Der Radicchio verliert seine Strenge, aber nicht seine Identität. Und der Reis bekommt genug Zeit, um cremig zu werden, ohne breiig zu kippen. Genau an dieser Grenze entscheidet sich, ob das Gericht nur nett oder wirklich gut ist.
Wenn du ein noch tieferes Röstaroma willst, kannst du einen kleinen Teil des Radicchio zuvor 2 bis 3 Minuten in einer heißen Pfanne anrösten. Das funktioniert vor allem bei kräftigen Winterköpfen gut, die manchmal etwas zu herb ausfallen.
Die häufigsten Fehler beim Radicchio-Risotto
Dieses Gericht ist nicht kompliziert, aber es verzeiht schlechte Gewohnheiten nur begrenzt. Die meisten Probleme kommen nicht von exotischen Zutaten, sondern von zu viel Hitze, zu wenig Geduld oder einer unausgewogenen Würzung. Ich sehe besonders oft diese fünf Fehler:
- Der Radicchio wird zu lange gegart. Dann verliert er Farbe, wird grau und schmeckt dumpf statt elegant. Besser ist ein kurzer Garprozess oder das späte Unterheben eines Teils der Blätter.
- Der Reis wird nicht angeröstet. Ohne das kurze Toasten fehlt dem Risotto Rückgrat. Die Körner geben dann Stärke ab, aber ohne saubere Struktur.
- Es wird zu wenig gesalzen. Radicchio braucht Begleitung, kein Zögern. Parmesan bringt Salz mit, aber der Fond muss trotzdem abgeschmeckt werden.
- Zu viel Käse oder Sahne macht das Gericht plump. Ich würde hier nicht in Richtung Rahmsauce gehen. Die Cremigkeit soll aus Reismehl, Butter und Käse entstehen, nicht aus Schwere.
- Die Mantecatura fehlt. Das kalte Einrühren von Butter und Parmesan zum Schluss ist kein Luxus, sondern der Moment, in dem das Risotto glänzt und die Textur geschlossen wird.
Ein guter Test ist simpel: Wenn du den Löffel durch das Risotto ziehst, sollte es langsam zurücklaufen und keine trockene Spur hinterlassen. Ist es zu fest, gib einen Schuss heißen Fond dazu. Ist es zu flüssig, lasse es 30 Sekunden länger auf der ausgeschalteten Herdplatte stehen.
Mit diesen Korrekturen sitzt die Textur, und dann lohnt sich der Blick auf Varianten, besonders wenn du nicht nur an Risotto, sondern auch an Polenta denkst.
Wie die Idee auch auf Polenta funktioniert
Die gleiche Geschmackslogik funktioniert überraschend gut in cremiger Polenta. Das liegt daran, dass Radicchio eine gewisse Sättigung braucht. Ob die von Reiskörnern oder Maisgrieß kommt, ist zweitrangig, solange Fett, Salz und etwas Säure den bitteren Ton auffangen. Für einen kürzeren Küchenabend ist Polenta sogar oft die bequemere Lösung, weil sie weniger präzises Timing verlangt.
| Variante | Textur | Wann ich sie wähle |
|---|---|---|
| Radicchio-Risotto | Cremig, elegant, leicht fließend | Wenn du ein Hauptgericht mit klassischer italienischer Anmutung willst. |
| Radicchio-Polenta | Wärmer, dichter, rustikaler | Wenn du mehr Komfort und weniger Rühren möchtest. |
Bei Polenta würde ich den Radicchio meist separat anbraten oder schmoren und erst am Schluss auf die cremige Basis setzen. So bleibt die Bitterkeit kontrollierbar. Dazu passen Parmesan, etwas Taleggio oder ein paar geröstete Walnüsse sehr gut. Wenn du es etwas leichter willst, reicht auch Olivenöl, Pfeffer und ein Hauch Zitronenzeste.
Die praktische Faustregel lautet für mich: Risotto wirkt feiner und direkter, Polenta etwas ruhiger und bodenständiger. Beides ist stimmig, solange die Bitterkeit nicht allein gelassen wird. Und genau damit schließe ich den Bogen zurück zum eigentlichen Reiz dieses Gerichts.
Warum ich dieses Gericht gerade jetzt gern koche
Ein gutes Radicchio-Risotto ist für mich ein Wintergericht ohne Schwere. Es ist cremig, aber nicht flach, herb, aber nicht streng, und mit wenigen Handgriffen bekommt es eine erstaunliche erwachsene Tiefe. Gerade in Deutschland lohnt sich das, weil Radicchio in gut sortierten Läden und auf Wochenmärkten meist problemlos zu bekommen ist und du für die restlichen Zutaten nichts Exotisches brauchst.
Wenn du nur einen einzigen Tipp mitnimmst, dann diesen: Behandle den Radicchio nicht wie eine Nebensache. Gib ihm genug Hitze, aber nicht zu viel Zeit, und kombiniere ihn mit einem sauberen Fett-Salz-Säure-Verhältnis. Dann wird aus einem einfachen Risotto ein Teller, der deutlich mehr Charakter hat als die Summe seiner Zutaten.